Septuagesimä

- 16.02.2025 - 

Wo finden wir das Himmelreich?

Sonntagsgottesdienst in der Petruskirche Steinen
mit Pfarrer i.R. Martin Rösch
 
Predigt: Wo finden wir das Himmelreich?
 
Lieder:
  • EG 452: Er weckt mich alle Morgen CCLI-Nr.: 4346188
  • FJbo 159: Heilig, heilig das Lamm Gottes (Revelation Song) CCLI-Nr.: 5561759
  • FJbo 74: Groß ist unser Gott, Herr der Ewigkeit CCLI-Nr.: 4325006
  • FJbo 137: Du machst alles neu CCLI-Nr.: 7053452
  • EG 610: Herr, wir bitten: Komm und segne uns CCLI-Nr.: 4339212
CCLi Liedlizenz 5100265
 
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Das Himmelreich – was ist das?

(16. Februar 2025, Pfarrer i.R. Martin Rösch, Evangelische Kirche Steinen)
 
In einem Lied, das mir kürzlich bei einer Trauerfeier begegnet ist – es ist zugleich ein Gebet –, erklärt der Liederdichter Folgendes: 
„Als Bürger deines Himmelreichs werd‘ ich für immer bei Dir sein.“ 
 
Was ist mit dem Himmelreich gemeint? Würden wir jetzt hier an Ort und Stelle eine Umfrage dazu durchführen, dann würden wir vermutlich unterschiedliche Antworten erhalten. Wer mit der Höllentalbahn von Freiburg in den Hochschwarzwald unterwegs ist, kommt an der Station „Himmelreich“ vorbei. Himmelreich ist ein kleiner Ort ebendort im Höllental. Was für ein Gegensatz – nebenbei bemerkt. Ist das Himmelreich, das in der Botschaft von Jesus viele Male vorkommt, auch ein Ort? Man könnte auf den ersten Blick meinen, dass dem so ist. Überblickt man aber alle Stellen, die im Matthäus-Evangelium das Himmelreich erwähnen, dann nötigt sich einem doch der Eindruck auf: Das Himmelreich ist zunächst einmal nicht ein Ort, sondern ein Geschehen. Wie komme ich dazu, Derartiges zu behaupten? Schaut man genauer nach in den Evangelien, dann wird klar: 
 
(Folie Himmelreich = Gottesherrschaft = Gottes Reich)
„Himmelreich“, „Gottesherrschaft“ und „Gottes Reich“ meinen ein und dasselbe; dass Gott herrscht, dass sein Wille geschieht. Das ist das Geschehen, um das es geht. Auf der Erde geschieht Gottes Wille dann, wenn Jesus am Werk ist. Es ist ja so, dass er seinen Vater auf der Erde vertritt. So hat Jesus einmal sagen können: 
 
„Wenn ich… die Dämonen durch den Geist Gottes austreibe,         
so ist das ein Zeichen dafür, dass Gottes Reich unter euch angebrochen ist.“ (Matthäus 12,28)
 
Was sind Dämonen? Es sind Wesen mit personalen Zügen, aber ohne Körper, den man anfassen könnte. Sie haben Verstand und Willen, und sie tun vieles, um Menschen zu schädigen. Ich nenne ein Beispiel: Diese bösen Wesen können Menschen innerlich so blockieren, dass diese es nicht schaffen, ihr Leben Jesus Christus anzuvertrauen, selbst wenn sie dies gerne tun würden.
 
Vor Kurzem habe ich einen Mitchristen kennengelernt, der in jungen Jahren einen unvergesslichen Eindruck von solchen Wesen bekommen hat. Er hat vor seinem inneren Auge solche Wesen gesichtet – kein schöner Anblick, sondern bedrohlich und beängstigend. Dann aber ist er in einem Heiligabend-Gottesdienst stark angesprochen worden. Der Pfarrer hat nämlich in der Predigt Bezug genommen auf das, was dieser damals junge Mann erlebt hatte – ohne ihn zu kennen. Der Pfarrer hat betont: Solche bösen Mächte gibt es tatsächlich. Christen sind ihnen jedoch keineswegs hilflos ausgeliefert. Sie dürfen sich an Jesus Christus wenden und ihn bitten, dass er sie aus ihrem Umfeld oder auch aus ihrem Körper, ihrer Seele und ihrem Geist vertreibt, sie also entmachtet.
Dieser ist heute noch dankbar dafür, dass diese bösen Mächte ihn haben freigeben müssen. Grundsätzlich empfiehlt es sich, dass Menschen, welche in dieser Weise angefochten werden, die Hilfe eines Christen in Anspruch nehmen. Gemeinsam können die beiden die Gegenwart von Jesus suchen, und der eine darf den anderen im Namen von Jesus, also in seinem Auftrag und mit seiner Kraft, lossprechen von der Macht dieser Mächte.
 
So wird schon etwas wahr von dem, was in der Bibel Himmelreich oder Gottesherrschaft genannt wird. Allerdings: Die Gottesherrschaft, das Himmelreich ist noch nicht in Vollendung gegeben. Wieviel geschieht noch immer, was dem Willen Gottes, seiner Herrschaft, widerstrebt!
 
Eines allerdings gilt schon jetzt, gehört auch zur Gottesherrschaft, zum Himmelreich: Es ist die Zusage von Jesus an Menschen, die sich ihm anvertraut haben: 
 
„Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er gestorben ist.“ (Johannes 11,25) 
 
Jesus kann solche Worte nur gesprochen haben im klaren Wissen darum, wer er ist: der Sieger über den Tod. Er hat diese Worte gesagt, bevor er seinen verstorbenen Freund Lazarus aus dem Grab heraus auferweckt hat. Jesus hat also nicht leere Worte gemacht, sondern hat seine unerhörte Kraft unter Beweis gestellt. 
Jesus hat auch darum gewusst: Seine Feinde werden dafür sorgen, dass er hilflos am Kreuz enden wird. Seine Feinde werden also fürs Erste triumphieren. Umso größer aber ist sein Triumph gewesen, dass ihn sein Vater von den Toten auferweckt hat. Ist das nicht ein noch stärkerer Beweis dafür, dass seine Worte gedeckt sind von der Wahrheit, dass auf seine Worte Verlass ist? Ja, auch und gerade angesichts des Sterbens dürfen Menschen wie du und ich uns auf ihn, Jesus, verlassen, uns ihm überlassen im Wissen darum: Er hält uns fest bei sich, wenn wir andere Menschen loslassen müssen, unseren Besitz, die Welt, in der wir gelebt haben. 
 
Diese Zusage – ist sie nicht ein starker Trost? Allerdings: Wenn wir die Bibel überblicken und damit das, was Gott mit den Nachfolgern seines Sohnes Jesus Christus vorhat, so kommen wir zu dem Schluss: Nach dem Sterben bei Gott geborgen und unbeschwert leben, das ist noch nicht das letzte Ziel der Wege, die Gott mit uns gehen will, wenn wir zu denen gehören, die im Leben und im Sterben seinem Sohn Jesus vertrauen.
 
Vielleicht haben sich mache oder viele von uns schon danach gesehnt, dass dies einmal ein Ende hat: dass manche Menschen steinalt werden, während andere in jungen Jahren von Krankheiten dahingerafft werden, bei Unfällen umkommen oder so verzweifelt sind, dass sie ihrem Leben selber ein Ende bereiten? Ich könnte noch viele Übel aufzählen, gegen die nur begrenzt, wie man sagt, ein Kraut gewachsen ist. 
 
Wann genau die Zeit kommen wird, dass alles Leid ein Ende hat, das weiß kein Mensch. Es hängt entscheidend davon ab, dass Jesus, der Sohn Gottes, schrittweise die Gottesherrschaft, das Himmelreich vollendet. 
 
Ja, es wird noch Stationen auf dem Weg dorthin geben. Eine erste Station erwähnt der Apostel Paulus. Er hat in seinem ersten Brief an die Christen in Korinth geschrieben (nach der Übersetzung „Hoffnung für alle“): 
 
„Die Auferstehung geht in einer bestimmten Reihenfolge vor sich: Als Erster ist Christus auferstanden. Wenn er kommt, werden alle auferstehen, die zu ihm gehören.“ (1. Korinther 15,23f.) 
 
Also: Jesus wird ein zweites Mal zur Erde kommen. Was wird dies zur Folge haben? Er wird zunächst diejenigen auferwecken oder verwandeln, für die er das höchste Gut ist. Ihrem Leib wird der Tod nichts mehr anhaben können, denn ihr Leib wird vergleichbar sein dem Leib, den Jesus selber bei seiner Auferweckung erhalten hat. 
 
Zu dieser Station auf dem Weg zur vollendeten Gottesherrschaft gehört nach meinem Verständnis auch dies: Jesus wird nach seinem zweiten Kommen auf diese Erde im Auftrag seines Vaters in weit höherem Maß, als dies bisher der Fall ist, Böses unterbinden. Es wird Frieden auf der Erde herrschen. Wie wird dies möglich werden? Der Apostel Johannes kündigt in seinem Buch der Offenbarung an: Der Feind Gottes und unser aller Feind wird nach dem zweiten Kommen von Jesus gebunden sein. Ich meine mit diesem Feind denjenigen, den die Bibel den „Satan“ nennt. Nach einem letzten Versuch, die Herrschaft über die Erde und die Menschheit doch wieder an sich zu reißen, wird Jesus sein Ende besiegeln. Der Apostel Johannes berichtet im erwähnten Buch der Offenbarung von einer tausendjährigen Herrschaft von 
Jesus über die Erde. Nachzulesen ist dies dort im 20. Kapitel. Ich lasse an dieser Stelle offen, ob die 1000 Jahre im wörtlichen Sinn oder im übertragenen Sinn zu verstehen sind. Wie dem auch sei: 
Jesus wird noch einem anderen Feind am Ende dieser Zeit das Ende bereiten. Hören wir dazu noch einmal auf den Apostel Paulus:
 
„Nach Gottes Plan wird Christus so lange herrschen, bis er alle Feinde unterworfen hat. Als letzten Feind vernichtet er den Tod…“ (1. Korinther 15,25f.) 
 
Die Zeit, von der ich soeben gesprochen habe, wird eine Zwischenzeit sein, eine Zeit, in der die Gottesherrschaft, das Himmelreich, mehr als heute gegeben sein wird, aber noch immer nicht in Vollendung.
 
In diesem Zusammenhang will ich auf etwas aufmerksam machen, worauf selten in Gottesdiensten eingegangen wird: dass nämlich das zweite Kommen von Jesus auf die Erde nicht von allen Christen erwartet wird. Im Januar habe ich an der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen an einer Fachtagung teilgenommen. Dabei ist es auch um die Frage gegangen, welche Zukunft wir als Jesus-Nachfolger erwarten dürfen. Einer der Vortragenden, evangelischer Theologie-Professor im Ruhestand, hat klar dies vertreten: Die Apostel, die ersten Nachfolger von Jesus, haben sich geirrt. Ihre Erwartung, dass Jesus noch zu ihren Lebzeiten auf die Erde zurückkehren würde, hat sich nicht erfüllt. Also sollten auch wir heutigen Jesus-Nachfolger die Erwartung aufgeben, dass Jesus wiederkommen wird. Wir sollten uns stattdessen für eine gerechte, friedliche Welt einsetzen. Wenn wir dieser Empfehlung folgen würden, dann müssten wir einen Satz aus unserem Glaubensbekenntnis streichen, einen Satz über Jesus, den Sohn Gottes: „…er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“
 
Am Ende dieser Zwischenzeit wird Jesus die Herrschaft über die Welt an seinen Vater zurückgeben. Das wird eine weitere Station sein, kurz vor der Gottesherrschaft, dem Himmelreich, in Vollendung.
 
Der Apostel Paulus nochmals im Originalton:
„Danach kommt das Ende: Christus wird alles vernichten, was Gewalt und Macht für sich beansprucht, und wird Gott, seinem Vater, die Herrschaft über diese Welt übergeben.“ (1. Korinther 15,24)
 
Dann wird die Gottesherrschaft, das Himmelreich, in vollem Umfang und für immer gegeben sein – überall. 
 
Hören wir nun dazu noch auf Worte aus der Offenbarung nach Johannes. Er berichtet davon, wie ihm ein Blick in Gottes endgültige Zukunft geschenkt worden ist:
„Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der vorige Himmel und die vorige Erde waren vergangen, und auch das Meer war nicht mehr da. Ich sah, wie die Heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkam: 
festlich geschmückt wie eine Braut für ihren Bräutigam.
Eine gewaltige Stimme hörte ich vom Thron her rufen: »Hier wird Gott mitten unter den Menschen sein! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein. Ja, von nun an wird Gott selbst in ihrer Mitte leben. Er wird ihnen alle Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid, keine Klage und keine Schmerzen; denn was einmal war, ist für immer vorbei.«
Der auf dem Thron saß, sagte: »Sieh doch, ich mache alles neu!« Und mich forderte er auf: »Schreib auf, was ich dir sage, alles ist zuverlässig und wahr.«“ (Offenbarung 21,1-5)
 
Dann wird es soweit sein: Das Himmelreich wird nicht nur ein Geschehen sein. Es wird auch ein Ort sein: die neue Erde mit dem himmlischen Jerusalem als ihrem Mittelpunkt. Wir sind eingeladen zum Bürgerrecht im vollendeten Himmelreich. Zu Gottes Sohn Jesus Christus gehören, ihm vertrauen, sich von ihm leiten lassen – dies verleiht uns dieses kostbare Bürgerrecht.
 
Noch einmal: 
Das Himmelreich, die Gottesherrschaft, geschieht schon da, wo Menschen ihn, Jesus Christus, wirken lassen.
Das Himmelreich, die Gottesherrschaft, wird sich ausbreiten, wenn er, Jesus Christus, wiederkommen wird, wenn er die mit ihm Verbundenen auferwecken wird, wenn er Frieden auf die Erde bringen wird, wenn er am Ende einer Zwischenzeit alle seine Feinde beseitigen wird, insbesondere Tod und Satan.
Gottes Ziel – auch für uns und mit uns –: seine vollendete Herrschaft, das vollendete Himmelreich.
 
Amen.