Wilhelm Busch und die wahre Heimat | Segensspuren 2.0

- 16.08.2026 - 

11. Sonntag nach Trinitatis

Pfarrer i. R. Wolfgang Gehring erinnert sich an Wilhelm Busch, den bekannten Jugendpfarrer und Evangelisten. Anhand von Lebensstationen, persönlichen Erlebnissen und eindrücklichen Geschichten geht die Predigt der Frage nach, wo der Mensch seine wahre Heimat findet und warum Jesus Christus dabei im Mittelpunkt steht.

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Wo finden Menschen Halt, wenn Ideologien scheitern, Lebenspläne zerbrechen und die Welt aus den Fugen gerät?
 
Pfarrer i. R. Wolfgang Gehring erzählt aus persönlichen Erinnerungen an Wilhelm Busch, den bekannten Jugendpfarrer, Evangelisten und Autor von „Jesus unser Schicksal“. Dabei verbindet er biografische Stationen aus Buschs Leben mit der Frage, wo unsere wahre Heimat zu finden ist.
 
Ausgehend von Kindheit, Pietismus, Kriegserfahrungen und dem Dienst im Ruhrgebiet führt die Predigt zu einem zentralen Gedanken: Heimat findet der Mensch letztlich nicht in sich selbst, sondern in der Nähe Jesu Christi.

Predigt zu: Wilhelm Busch und die wahre Heimat | Segensspuren 2.0

(16. August 2026, Wolfgang Gehring, Ev. Kirchengemeinde Steinen)
 
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
 
Wilhelm Busch. Es gibt ja noch einen anderen Wilhelm Busch, den mit Max und Moritz. Der ist heute nicht gemeint, obwohl ich diese Geschichten als Kind auch gelesen habe. Heute geht es um Pastor Wilhelm Busch.
 
Für mich ist das etwas Besonderes. Ich komme heute nicht hierher und sage: Ich habe tief in Archiven nachgeforscht und will Ihnen nun etwas über einen Menschen erzählen, der irgendwann einmal gelebt hat. Nein. Ich hatte die Gnade, Wilhelm Busch in seinen letzten Lebensjahren persönlich kennenzulernen. Als Pensionär lebte er zeitweise im Evangelischen Weigle-Haus in Essen, meiner geistlichen Heimat. Ich durfte ihm begegnen, mit ihm sprechen und ihn erleben. Das ist etwas anderes, als nur aus Büchern über jemanden zu berichten.
 
Darum möchte ich heute einige biografische Notizen mit persönlichen Erinnerungen verbinden. So können wir besser verstehen, weshalb Wilhelm Busch bis heute so viele Menschen bewegt hat.
 
Herr Jesus, es kommt auf dich an, dass du zu uns allen redest, zum Prediger und zur Gemeinde. Heilige uns in deiner Wahrheit. Dein Wort ist die Wahrheit. Amen.

Jugendzeit und Erster Weltkrieg

Wilhelm Busch wurde am 27. März 1897 geboren. Wenn ich daran denke, dann komme ich mir selbst alt vor. 1897 – das liegt für uns kaum noch vorstellbar weit zurück.
 
Geboren wurde er in Wuppertal-Elberfeld. Später wuchs er dort auf, wo sein Vater wirkte, nämlich in Frankfurt am Main. Sein Vater war Pfarrer, ein kluger, weiser und vollmächtiger Mann.
 
Zur Familie gehörte auch eine enge Verbindung auf die Schwäbische Alb. Dort lebte die Großmutter. Das Dorf Hülben bei Urach war stark vom württembergischen Pietismus geprägt. Genau diese Prägung nahm auch die Familie Busch auf.
 
Was war Pietismus? Im Grunde eine Antwort auf eine erstarrte Kirche. Der Schwerpunkt lag auf persönlicher Bekehrung zu Jesus Christus, dem Bibellesen in kleinen Gemeinschaften und einer aktiven, gelebten Nächstenliebe. Vieles davon kennen wir heute noch. Hauskreise, Bibelstunden und gelebtes Christsein gehören dazu. In diesem Sinn können wir uns durchaus als Nachfahren dieser Bewegung verstehen.
 
Nach dem Abitur wurde Wilhelm Busch wie viele seiner Generation zum Kriegsdienst eingezogen. Damals zog man begeistert in den Krieg. Die Menschen meinten, etwas Großes beginne. Vier Jahre später kamen viele gebrochene Menschen zurück. Die Illusionen waren zerstört.
 
Auch Busch erlebte diese Erschütterung. Er war von zu Hause geistlich geprägt. Doch im Krieg verblasst manches. Der Alltag, die Angst und das Sterben stellen Fragen.
 
Eines Tages wird ein Kamerad neben ihm im Schützengraben getroffen und stirbt. Dieses Erlebnis erschüttert ihn tief.
 
Da wendet er sich neu an Jesus. Er fragt: Was soll das alles? Was bringt das alles? Das ist doch Wahnsinn. Und gerade in dieser Situation findet er zurück zu seinem Glauben.
 
Das ist oft so. Eltern können Glaubenszeugen sein. Sie können von Jesus erzählen. Aber sie können ihre Kinder nicht zum Glauben zwingen. Darum bleibt der Satz wahr: Gott hat Kinder, aber keine Enkelkinder. Jeder Mensch muss selbst den Weg zu Jesus finden.
 
So wird aus dem jungen Mann aus einem frommen Elternhaus ein Mensch, der Jesus persönlich sucht und findet.
 

Studium, Ruhrgebiet und Weigel-Haus

Nach dem Krieg studiert Wilhelm Busch evangelische Theologie in Tübingen. Später arbeitet er in Bielefeld. Dort lernt er auch seine spätere Frau Emilie kennen.
 
1924 kommt er in einen Arbeitervorort von Essen. Dort beginnt eine prägende Zeit seines Lebens.
 
Man muss sich die Situation damals vorstellen. Die Weimarer Republik geriet in schwere Krisen. Politische Spannungen bestimmten den Alltag. Auf den Straßen stritten sich Menschen heftig. Die Gesellschaft war gespalten.
 
Hinzu kam große soziale Not. Viele Menschen arbeiteten hart und hatten dennoch kaum etwas zum Leben. Das Ruhrgebiet war geprägt von Bergbau, Arbeitersiedlungen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten.
 
Mitten in diese Situation wird Wilhelm Busch gestellt. Dort lernt er die Menschen kennen. Dort wird sein Glaube geprüft. Dort wird er geprägt.
 
Von 1929 bis 1962 wirkt er als Jugendpfarrer. Mittelpunkt seiner Arbeit wird das Weigel-Haus in Essen. Dieses Gebäude steht heute noch. Damals wie heute liegt es in einem schwierigen sozialen Umfeld.
 
Dort erreicht Busch unzählige junge Menschen. Er arbeitet nicht nur mit Programmen und Veranstaltungen, sondern vor allem mit dem Evangelium.
 
Wilhelm Busch war verheiratet und hatte sechs Kinder, zwei Söhne und vier Töchter. Beide Söhne starben in jungen Jahren. Einer fiel 1944 während des Zweiten Weltkriegs vor Leningrad. Solche Erfahrungen prägen einen Menschen tief.
 
1962 wird Busch pensioniert. Dennoch bleibt er aktiv. Er predigt, besucht Veranstaltungen und wirkt weiterhin im Weigle-Haus mit.
 
Ich durfte ihn dort kennenlernen. Und ich durfte auch seine Beerdigung erleben. Tausende Menschen kamen zusammen. Die Kirche war überfüllt. Menschen standen überall. Gemeinsam sangen wir mit voller Stimme. Das werde ich nie vergessen.
 

Die Frage nach der wahren Heimat

Jetzt möchte ich Wilhelm Busch selbst zu Wort kommen lassen.
 
Einmal erzählte er von seiner Studienzeit in Tübingen. Das Studium hatte ihn verunsichert. Er fragte sich: Ist das alles wahr? Kann ich noch glauben? Hat die Bibel nicht Widersprüche? Habe ich überhaupt noch einen Zugang zu Gottes Wort?
 
Mit diesen Fragen kam er zu seiner Mutter.
 
Sie hörte ihm zu und sagte schließlich: Herr Theologe, du musst anders an die Sache herangehen.
 
Dann erzählte sie ihm ein Beispiel. Als er im Krieg gewesen war, hatte sie ihm Briefe geschrieben. Darin schilderte sie das Leben zu Hause. Aber an der Front konnte er vieles nicht verstehen. Die Wirklichkeit war zu weit entfernt.
 
Erst als er wieder in die Heimat zurückkam, konnte er wirklich verstehen, was seine Mutter geschrieben hatte.
 
Dann sagte sie: Wenn du Gottes Heimat verlässt, verstehst du sein Wort nicht mehr.
 
Das traf ihn ins Herz. Plötzlich begriff er: Nicht nur die klugen Gedanken entscheiden. Die Nähe zu Gott entscheidet.
„Wenn du Gottes Heimat verlässt, verstehst du sein Wort nicht mehr.“
 
Busch erkannte neu, dass er sich wieder dem lebendigen Herrn Jesus zuwenden musste. Dann würde Gott sein Wort öffnen.
 
So wurde ihm klar: Unsere wahre Heimat liegt in der Nähe Gottes.
 
Wir können viele Jahre Christen sein. Wir können lange im Glauben unterwegs sein. Trotzdem können wir uns innerlich entfernen. Dann werden wir oberflächlich, mürrisch und kraftlos.
 
Darum brauchen wir immer wieder die Rückkehr zur Heimat. Wir brauchen die Nähe Jesu.
 
Dafür gibt es Gemeinde. Wir ermutigen uns gegenseitig, nahe bei Gott zu bleiben.

Runter vom Thron

Eine weitere Geschichte erzählt Busch aus seiner Zeit im Ruhrgebiet.
 
Die politischen Spannungen waren enorm. Nationalsozialisten, Kommunisten, Freidenker und viele andere Gruppen standen sich feindselig gegenüber. Auf den Straßen wurden Reden gehalten. Ständig gab es Streit.
 
Eines Tages geht Busch durch seinen Bezirk. Ein Redner bemerkt ihn und ruft spöttisch: Da läuft ja die schwarze Drossel. Die Pfaffen haben uns gerade noch gefehlt.
 
Dann beginnt der Mann eine Anklage gegen Gott. Er spricht von Hunger, Krieg und Ungerechtigkeit. Schließlich ruft er:
„Runter vom Thron!“
 
Der Mann meint Gott.
 
Alle erwarten nun, dass Busch moralisch widerspricht. Doch Busch stellt sich daneben und ruft ebenfalls:
„Runter vom Thron!“
 
Die Leute staunen.
 
Dann erklärt er: Den Gott, vor den wir treten könnten, um ihm zu sagen, er solle vom Thron steigen, den gibt es gar nicht. Es gibt nur den heiligen Gott, vor dem wir niederknien.
 
Das trifft die Zuhörer.
 
Busch macht deutlich: Gott ist nicht unser Hampelmann. Nicht Gott muss sich vor uns rechtfertigen. Wir stehen vor Gott.
 
Und dann zieht Busch den Bogen weiter. Menschen ohne Gott wollen alles bestimmen: die Moral, die Wahrheit, die Zukunft, die Grenzen des Lebens. Sie möchten alles kontrollieren.
 
Aber genau das führt auf einen Irrweg.
 
Darum ruft Busch zur Umkehr. Weg von den selbstgemachten Göttern. Hin zu dem lebendigen Gott.
 
Jesus Christus hat das erste und das letzte Wort. Deshalb sollen wir mit Jesus leben und Jesus bezeugen.
 
Busch erlebt Menschen als erschöpft und innerlich leer. Viele Diskussionen drehen sich im Kreis. Viele politische Lösungen bleiben oberflächlich.
 
Darum lautet sein Ruf:
„Kehrt um. Hin zu dem, der auf dem Thron sitzt.“

Die Synagoge, die weiter predigte

Eine weitere Geschichte spielt in Essen.
 
Vor einigen Jahren fuhr ich mit meiner Frau und Verwandten durch die Stadt. Dort steht bis heute die alte Synagoge.
 
Am 9. November 1938 wurde sie von den Nationalsozialisten angegriffen und in Brand gesetzt.
 
Doch die dicken Mauern blieben stehen.
 
Jahre später lag die Stadt nach Bombenangriffen in Trümmern. Viele Menschen fanden ihre Wohnungen nicht mehr. Alles war zerstört.
 
Also suchten sie Schutz in den Resten jener Synagoge.
 
Und Busch sagt: Da begann die Synagoge zu predigen.
 
Denn über ihrem Eingang stand noch immer eine Inschrift.
„Mein Haus soll ein Bethaus sein für alle Völker.“
 
Die Menschen lasen diese Worte. Manche von ihnen hatten einst gejubelt, als die Synagoge brannte. Nun fanden sie dort Zuflucht.
 
Busch nennt das eine Predigt, die man nicht vergisst.

Die Begegnung am Sterbebett

Zum Schluss erzählt Busch eine Begebenheit aus seinem Dienst als Pfarrer.
 
Mitten in der Nacht wird er gerufen. Ein junger Mann liegt schwer krank im Krankenhaus. Seine Frau bittet verzweifelt um das Abendmahl.
 
Busch kommt an. Der Tod liegt bereits auf dem Gesicht des Mannes.
 
Er glaubt zunächst nicht, dass eine Abendmahlsfeier noch sinnvoll ist. Dennoch spricht er ein Bibelwort:
„Das Blut Jesu Christi macht uns rein von aller Sünde.“
 
Der Kranke schlägt die Augen auf.
 
Die Frau drängt weiter auf das Abendmahl. Schließlich gibt Busch nach. Die Feier wird gehalten.
 
Danach scheint es dem Mann plötzlich besser zu gehen. Er richtet sich auf. Er spricht. Alle freuen sich.
 
Busch nutzt diesen Augenblick und sagt zu ihm:
 
Der Herr Jesus ist Ihnen in seiner Gnade begegnet. Lassen Sie nie mehr von diesem Retter ab.
 
Doch der Mann antwortet spöttisch:
„Ach, das brauche ich doch alles nicht mehr. Ich lebe ja wieder.“
 
Busch ist erschüttert.
 
Noch während er dort steht, greift der Mann nach seinem Herzen, sinkt zurück und stirbt.
 
Busch schreibt später, dass er danach wie betäubt in die Nacht hinausging.

Schluss

Es gäbe noch vieles über Wilhelm Busch zu sagen. Er war nicht nur Evangelist. Er war auch ein treuer Pfarrer seiner Gemeinde. Er hielt Bibelstunden, predigte Sonntag für Sonntag und diente Menschen über Jahrzehnte.
 
1966 starb Wilhelm Busch im Frieden mit Jesus Christus.
 
Sein zentrales Anliegen blieb bis zuletzt dasselbe:
 
Jesus Christus ist der Versöhner zwischen Gott und Mensch.
 
Das war für Wilhelm Busch Priorität Nummer eins. Hoffentlich ist es das auch für uns.
 
Amen.